Krankenstand bei Lehrlingen

Artikel von Michaela Öhlinger
Die dritte Krankmeldung in diesem Monat. Per WhatsApp eine Info über Kopfschmerzen. Davor waren es Bauchschmerzen, die Woche davor vielleicht eine Erkältung. In fast jedem Lehrbetrieb gibt es einen Lehrling, der auffällig oft im Krankenstand ist.
Die Ausbilder:innen stehen frustriert vor der Frage: Worum geht es hier wirklich? Ist der gesundheitliche Allgemeinzustand des Lehrlings tatsächlich fragil oder steckt etwas anderes dahinter?
Eine Pauschalantwort gibt es nicht. Trotzdem liegt der Verdacht nahe, dass der Lehrling höchstwahrscheinlich nicht körperlich krank ist.
Krankenstand als Fluchtreaktion
Psychische Belastungen bei Lehrlingen sind Realität. Der Österreichische Lehrlingsmonitor 2026 von ÖGJ und Arbeiterkammer bestätigt: Mehr als ein Drittel der Lehrlinge gibt an, dass die betrieblichen Rahmenbedingungen sie belasten. Ein Fünftel fühlt sich regelmäßig überfordert. Oft fehlt eine Ansprechperson im Betrieb.
Das bedeutet konkret: Die Bauchschmerzen sind möglicherweise echt. Sie haben nur keine medizinische Ursache. Sie sind psychosomatisch.
Wenn Lehrlinge keine Strategien zur Stressverarbeitung haben, bleibt ihnen oft nur die Vermeidung. Der Rückzug wird zum Schutzmechanismus und lässt sich mit einer Krankheit, die „legitim“ genug klingt, rechtfertigen.
Was Ausbilder:innen übersehen
Betriebe unternehmen heute einiges, um neben strategischen Unternehmenszielen und wirtschaftlichem Leistungsdruck ihre Mitarbeiter:innen und damit auch die Lehrlinge gut abzuholen.
Viele Unternehmen sind deshalb erst einmal irritiert, wenn sie hören, dass ihre Lehrlinge überfordert sind. Schließlich gibt es Onboarding, regelmäßige Gespräche, fachliche Unterstützung und wo möglich auch zusätzliche Leistungsvergütungen.
Das sind wichtige und unverzichtbare Maßnahmen. Trotzdem muss klar gesagt werden: Fachliche Kompetenz und Mitarbeiter:innen-Benefits reichen nicht aus. Die Generation Z zeigt ihre Überforderung anders als früher. Sie kündigt nicht laut. Sie zieht sich zurück. Sie wird still. Sie meldet sich krank.
Gute Ausbildung braucht Begleitung über das Fachliche hinaus
Betriebe übersehen, dass Belastungen oft unsichtbar bleiben, weil Lehrlinge sie verstecken. Konflikte zuhause, Unsicherheiten in der Berufswahl, finanzielle Sorgen oder Mobbing in der Berufsschule sind für Lehrlinge real, werden im Betrieb aber selten thematisiert. Der Grund ist selten fehlender Wille. Oft hat der Lehrling schlicht nie gelernt, dass es in Ordnung ist, darüber zu sprechen.
Die meisten Ausbilder:innen wurden zudem nicht darin geschult, psychische Warnsignale zu lesen. Sie können eine technische Zeichnung lesen, eine Maschine bedienen, einen Prozess optimieren. Aber sie erkennen oft nicht, wann ein Lehrling innerlich so stark unter Druck steht, dass der Krankenstand der einzige Ausweg zu sein scheint. Sie sind Fachkräfte mit Ausbildungsauftrag und erfüllen diese Aufgabe häufig sehr gut. Coaches sind sie damit aber nicht.
Der Zugang macht den Unterschied
Die gute Nachricht ist: Es gibt Möglichkeiten, diese Situation im Betrieb anzupacken und zu drehen. Dafür braucht es keine zusätzliche Kontrolle. Es braucht eine andere Frage.
Weg von: Warum funktioniert dieser Lehrling in unserem Betrieb nicht? Hin zu: Was braucht dieser Lehrling, um funktionieren zu können?
Sofort umsetzbare Schritte
1. Wöchentliche 1:1-Gespräche etablieren, ohne fachliche Agenda
Nehmen Sie sich ein paar Minuten pro Woche für den Lehrling. Besprechen Sie dabei keine Aufgaben. Stellen Sie stattdessen die Frage: „Wie geht es dir wirklich? Was belastet dich gerade?“ Diese Gespräche schaffen Vertrauen und machen Überforderung sichtbar, bevor sie im Krankenstand mündet.
2. Sich darin trainieren, Warnsignale zu erkennen
Rückzug, plötzliche Leistungsabfälle, häufiges Zuspätkommen oder wechselnde Krankheitsmuster sind keine Zufälle. In der Ausbildung zum zertifizierten Lehrlingscoach lernen Sie, diese Signale früh zu deuten und professionell zu reagieren.
3. Raum für „schwache Momente“ schaffen
Kommunizieren Sie aktiv, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein. Sprechen Sie selbst über Momente der Überforderung. Das normalisiert Verletzlichkeit und macht es Lehrlingen leichter, sich zu öffnen, bevor sie zusammenbrechen.
4. Sich zum zertifizierten Lehrlingscoach ausbilden
Die Ausbildung zum zertifizierten Lehrlingscoach nach ISO 17024 ist mehr als ein Seminar. Sie gibt Ausbilder:innen Werkzeuge an die Hand, um Resilienz aktiv aufzubauen, Feedbackgespräche professionell zu führen und psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen.
Diese Maßnahmen funktionieren, weil sie an der Ursache ansetzen. Hinter wiederkehrenden Krankenständen steht selten ein Disziplinproblem. Meist geht es um die Beziehung im Betrieb. Und Beziehungen brauchen Zeit, Vertrauen und Kompetenz.
Quelle: Österreichischer Lehrlingsmonitor 2026, ÖGJ und Arbeiterkammer, Wien 2026.