Fehlerkorrektur – Klartext braucht Kontext

Artikel von Michaela Öhlinger
Typische Situation: Ein:e Lehrausbilder:in entdeckt einen Fehler. Die Rückmeldung folgt sachlich und bestimmt. „Das ist falsch. Das muss anders gemacht werden." Der Lehrling nickt, dreht sich weg. Sein Gesicht ist verschlossen. Während die Ausbilder:in glaubt, sie hat klar kommuniziert, denkt der Lehrling: „Der mag mich nicht."
Genau hier entsteht oft der erste Riss. Einer, der Wochen später zur Kündigung führen kann. Für Lehrbetriebe und Ausbilder:innen kommt das meist unerwartet.
Was wirklich dahintersteckt
Das jugendliche Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung. Wenn Ausbilder:innen sagen: „Das ist falsch", meinen sie das Werkstück. Der Lehrling hört: „DU bist falsch." Das ist kein Trotz, keine mangelnde Professionalität, keine Übersensibilität der Generation Z.
Das ist Neuropsychologie.
Das jugendliche Gehirn unterscheidet noch nicht sicher zwischen Sachebene und Beziehungsebene. Direktes Feedback ohne emotionale Einordnung wird als Bedrohung interpretiert, vor allem wenn der junge Mensch wenig Erfahrung mit klarer, wertschätzender Rückmeldung hat. Der „bestimmte Ton" wird unbewusst übersetzt in: Aggression. Ablehnung. Entwertung. Das belastet das Betriebsklima für Lehrlinge nachhaltig und ist einer der häufig unterschätzten Gründe, warum Lehrlinge die Ausbildung abbrechen.
Ein Blick auf die Zahlen
Die Daten aus dem Österreichischen Lehrlingsmonitor 2026 zeigen: 38 Prozent der Lehrlinge berichten von sehr guten Rahmenbedingungen, der Höchstwert seit 2015. Gleichzeitig erleben 16 Prozent sehr schlechte Bedingungen. Diese Polarisierung hat oft weniger mit Arbeitsinhalten zu tun als mit einem Faktor, über den kaum gesprochen wird: der Qualität der Kommunikation zwischen Ausbilder:in und Lehrling.
59 Prozent der Lehrlinge haben keinen bewussten Ausbildungsplan, 75 Prozent keine regelmäßige Ausbildungsdokumentation. Sie wissen nicht, was von ihnen erwartet wird. Und wenn dann Kritik kommt, wirkt sie willkürlich. Persönlich.
Klartext allein reicht nicht
Klartext braucht Kontext. Er braucht eine Beziehung, in der der Lehrling weiß: Diese Person meint es gut mit mir. Diese Person glaubt an mich.
Ohne diese Basis wird jede Korrektur zur emotionalen Verunsicherung, egal wie sachlich sie formuliert ist. Viele Betriebe sagen: „Wir haben doch gute Rahmenbedingungen. Wir zahlen pünktlich, die Arbeitszeiten passen, wir erklären die Abläufe." Was dabei übersehen wird: ob der Lehrling das Gefühl hat, dass jemand ihn als Mensch ernst nimmt, und nicht nur als Arbeitskraft in Ausbildung. Lehrlingsbindung im Betrieb entsteht genau dort.
Kleine Schritte mit großer Wirkung
Für ein wirksames Feedbackgespräch mit Lehrlingen braucht es kein komplett neues Ausbildungssystem. Oft reichen kleine, bewusste Anpassungen.
1. Trennung von Sache und Person
Statt „Das ist falsch": „Das Werkstück passt noch nicht ganz, dein Ansatz war aber schon gut. Lass uns gemeinsam schauen, wo es noch hakt." Für Ausbilder:innen ist das kaum mehr Aufwand. Für den Lehrling macht es einen großen Unterschied: Ich bin okay. Ich darf lernen.
2. Erwartungsklarheit schaffen
Jeder Lehrling sollte wissen: Was lerne ich wann? Woran wird meine Leistung gemessen? Wer ist meine Ansprechperson? Das ist keine Bürokratie. Das ist psychologische Sicherheit und die Grundlage dafür, dass Feedback nicht als Willkür erlebt wird.
3. Kurze Check-ins statt nur Krisengespräche
Ein wöchentliches 15-Minuten-Gespräch reicht oft: „Wie geht's dir? Was läuft gut? Wo brauchst du Unterstützung?" Das stärkt die Beziehung. Und genau diese entscheidet darüber, ob ein Feedbackgespräch als Hilfe oder als Angriff wahrgenommen wird.
4. In Begleitungskompetenz investieren
HeartBeat begleitet Unternehmen dabei, Lehrlinge zu loyalen Fachkräften zu entwickeln. Genau hier setzt die Ausbildung zum zertifizierten Lehrlingscoach an. Sie vermittelt Ausbilder:innen die Werkzeuge, die im Alltag oft fehlen: klare Kommunikation, wirksames Feedback und echte Beziehungsarbeit. Praktisches Handwerkszeug, das dort wirkt, wo die meisten Probleme entstehen.
Fazit
Lehrlinge kündigen selten, weil die Arbeit zu schwer ist. Lehrabbrüche verhindern bedeutet vor allem: Beziehungen gestalten. Lehrlinge brechen ab, weil sie sich nicht gesehen fühlen, weil Kritik als Abwertung ankommt, weil niemand zeigt, dass Fehler zum Lernen gehören. Lehrlinge zu motivieren gelingt dort, wo Ausbilder:innen die mentale Gesundheit ihrer Lehrlinge mitdenken. Das ist kein Generationenproblem. Das ist eine Frage der Haltung.
Quelle: Österreichischer Lehrlingsmonitor 2026, Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ), Wien 2026.